Der Zementgarten

nach dem Roman von Ian McEwan


Theaterfassung von

Paul Voigt und René Rothe


Übertragung und Bearbeitung aus dem Englischen von Paul Voigt


Im Niemandsland, eines Vorortes, der einer nie gebauten Umgehungsstraße weichen musste, steht ein Einfamilienhausmit der dazugehörigen Familie. Der Tod des Vaters lässt die schwerkranke Mutter zum Mittelpunkt des Lebens der vier Kinder Julie, Jack, Sue und Tom werden. Als sie von der Außenwelt unbemerkt stirbt droht der letzte Rest des Konstruktes Familie zu zerbrechen. Um nicht auseinander gerissen zu werden, beschließen die Kinder die Leiche der Mutter verschwinden zu lassen und sich selbst ihre Familie zu sein. Die älteste Tochter Julie versucht der Aufgabe als Oberhaupt der Familie gerecht zu werden und hofft auf die Hilfe ihres Bruders Jack, der das Geschehen aus der sich stetig verschiebenden Sicht eines Erwachsenwerdenden erlebt.

Eine Geschichte über das Erwachsenwerden und die Zerbrechlichkeit sozialer Strukturen.

Wie verortet man sich als noch Heranwachsender in einer Welt erwachsener Verantwortungen im sozialen Brachland?

Mit der Uraufführung der Theaterfassung von Ian McEwans Roman "Der Zementgarten" betritt das Ensemble La Vie - Das Leben neue Räume - Klangräume, denn die Bühne wird bis auf ein einziges Bühnenelement komplett aus Akustik bestehen. Zur Schaffung eines gesamtheitlich erfassbaren Erlebnisses auf mehreren Rezeptionsebenen wird das Bühnenbild auf wenige klare Elemente reduziert, um in der Ebene der akustischen Wahrnehmung fortgeführt zu werden. Räume und Situationen sind immer mit klanglichen Ereignissen verbunden, welche wir permanent aufnehmen, selbst wenn wir die Augen schließen oder das Licht ausschalten, sogar im Schlaf. Durch die Gestaltung von Soundscapes aus Geräuschen und Klängen, können gleichzeitig physische Räume in der Assoziation erzeugt werden, genau wie atmosphärische Darstellung von Gefühlszuständen.
Dies wird erreicht in dem man Klänge aus dem Alltag, sowie live durch das Spiel erzeugte Geräusche gezielt in unterschiedlich bearbeiteter Form in den Spiel- und Zuschauerraum einbringt. Zerbrechlichkeit, Schmerz, Leid, Freude, Sex mit einem anderen Ausdruck darzustellen, als Überform des alltäglichen und erträglichen Wahrnehmens. Ein Bild aus Sehen und Hören in ungewöhnlicher Darbietung um eine scheinbare „Normalität“ zu erzeugen in einem außergewöhnlichen Zustand.

Besetzung

Jack:

Philipp Michael Börner (Münschen)

 

Julie:

Sabine Melanie Rittel (Berlin)

 

Sue:

Christin Wehner (Dresden)

 

Tom:

Moritz Ross (Berlin)

 

Vater / Mutter / Toms Freund / Derek:

Benjamin Kneser (Bautzen)

Regie / Bühne:

René Rothe (Dresden)

 

Dramaturgie / Akustische Bühne:

Paul Voigt (Dresden)

 

Kostüme:

Annemarie Hübner (Jena)


Die Geschichte

Ein Ehepaar mit 4 Kindern (in einer Spanne von Kleinkind bis fast Erwachsen) lebt in einem einzeln stehenden Haus mitten in einem Abbruchviertel. Die Familie ist isoliert von anderen Menschen. Der Kontakt zu Verwandten ist längst abgebrochen, die Schulkameraden der Kinder werden nicht eingeladen. Der Vater und Ernährer der Familie, ist bereits krank, müde und gezeichnet vom Leben. Das Verhältnis der Kinder zum Vater ist sehr gespalten.
Bei dem Vorhaben den Garten zu betonieren stirbt der Vater. Nun beginnt die Mutter die Familie zusammen zuhalten, aber sie ist unheilbar krank und wird in absehbarer Zeit auch sterben. Über ihren Zustand weiht sie nur Ihre große Tochter ein. Sie will, dass nach ihrem Tod die Kinder nicht auseinander gerissen werden und weiter im Haus leben. Als die Mutter bettlägerig wird, spielt sich das Familienleben im Zimmer der Mutter ab, bis sie stirbt. Aus Angst, durch die Behörden getrennt zu werden, verschweigen die Kinder ihre Situation und zementieren die Leiche der Mutter in einer Kiste im Keller ein. Es herrscht eine Ausnahmesituation in der aus Kindern bestehenden Familie.
Doch nicht nur die Gruppe kapselt sich immer mehr von ihrer Umgebung ab, auch jeder Einzelne ist in zunehmendem Maße der Isolation ausgesetzt.
Die Beziehungen zwischen den Geschwistern sind zunächst ungeordnet und wechselhaft. Zwischen den beiden ältesten Geschwistern kommt es zu starken Spannungen, weil jeder von ihnen das Familienoberhaupt sein möchte. Dazu kommt daß Jack, der große Bruder, sich zu seiner zwei Jahre älteren Schwester Julie sexuell hingezogen fühlt. Die jüngere Schwester Sue zieht sich in ihre Welt zurück, welche daraus besteht alles zu lesen was in ihre Hände kommt. Alles was sie bedrückt und bewegt wird nicht ausgesprochen, sondern in ein Tagebuch geschrieben.
Der sechsjährige Tom fällt nach und nach ins Säuglingsstadium zurück. Erst verfällt die Küche und dann immer mehr auch das ganze Haus. Auf Initiative von Jack beginnen die Kinder nach einiger Zeit den Haushalt aufzuräumen und es bilden sich Ansätze sozialer Strukturen heraus. Problematisch bleibt für die Kinder jedoch vor allem die Auseinandersetzung mit ihrer geschlechtlichen Identität. Neben der inzestuösen Liebe Jacks zu seiner Schwester konkretisiert sich das Thema außerdem in der aufbrechenden Konkurrenz zwischen Julie und Sue, sowie in dem Wunsch Toms, sich als Mädchen zu verkleiden.
In die immer mehr isolierte Gemeinschaft bricht die Außenwelt ein, als Julie ihren neuen Freund Derek ins Haus bringt. Vor ihm, der immer mehr in die Familie eindringt, lässt sich das große Geheimnis der Geschwister nicht mehr verbergen. Auch ist der Zementblock gerissen und der Leichengeruch macht sich im ganzen Haus breit. Jack und Julie haben Sex miteinander, um den Vater und Mutterersatz gänzlich zu vollziehen um den Familienhalt zu bestätigen und den Eindringling Derek zu beseitigen.

Die Inszenierung

Der Fokus der Inszenierung ist auf das familiäre Konstrukt zwischen den vier Kindern gerichtet. Sie bilden den inneren Kreis der Handlung. Alle anderen Figuren, die außerhalb dieser Konstellation agieren und wirken, sollen durch einen Schauspieler umgesetzt werden. Vater und Mutter werden mehr als Prinzipien verhandelt, die die „Ausgangsfamilie“ beschreiben und im Laufe der Geschichte wegbrechen und so zu der soziologischen Krisensituation führen, welcher sich die hinterbliebenen Kinder stellen müssen. Ähnlich wird auch die Figur des Derek verhandelt. Auch er ist ein von außen auf die Familie wirkender Faktor, der als störend empfunden und deshalb schließlich eliminiert wird.
Nicht die Familiengeschichte im klassischen Sinne steht im Fordergrund, sondern das Verhalten und Bilden von sozialen Strukturen in einem extremen psychischen Spannungsfeld.
Wie gelangen Julie und Jack zum Inzest, als schlussendliche Remanifestierung des klassischen Familienbildes gestützt durch eine Vater- und eine Mutterfigur? Wie zeigen sich die Kompensationsmuster des Verlustes eines gewohnten sozialen Rahmens? Wo liegen für die einzelnen Figuren ihre Fluchtpunkte? Die Rückentwicklung Toms in ein frühkindliches Stadium um den Bedarf nach elterlicher Fürsorge zu beschreiben und seine psychologische Flucht hin zur Verwandlung in ein Mädchen. Sues zunehmende Verschlossenheit. Ihr zwiegespalltener Reifeprozess, der immer wieder zwischen Teenager und reflektiertem Jungerwachsenen wechselt. Julies Versuch über Derek einen zweiten Verantwortungsträger zu schaffen, da sie anfänglich nicht auf Jack als nächst älteren Geschwisterteil setzten kann. Ihr Umgang mit der rasant wachsenden Verantwortung in der Familie durch das lange Sterben und den Tod der Mutter. Und natürlich Jack selbst, dessen Selbstsicht und -wahrnehmung die Geschichte und
ihre Erzählweise maßgeblich prägen. Sein pubertärverschobenes Verhältnis zu seiner Umwelt, sich selbst und seiner Sexualität, das sich über die Krise hinweg zu einem Partner für seine älteste Schwester und einem Halt für Tom und Sue entwickelt.

 

Uraufführung im Societaetstheater Dresden am 04. Juni 2010 um 20 Uhr
Teilnahme am Kaltstart/Fringe Festival Hamburg im Juli 2010